Psychotherapie ohne Wirkung?

Jeder Arzt und jeder Therapeut ist mit der Erfahrung konfrontiert, dass bei manchen Patienten zuverlässig wirkende Behandlungsmethoden nicht die zu erwartenden Früchte tragen. Dies betrifft nicht nur die Angstbehandlung, sondern die Behandlung aller psychischen und körperlichen Beschwerden und Erkrankungen. Dafür kann es verschiedene Ursachen geben. Die wichtigsten, die einzeln oder auch in Verbindung miteinander auftreten können, sind:

  1. Chronifizierung
  2. sekundärer Krankheitsgewinn
  3. aufrechterhaltende Lebensumstände

 

1. Chronifizierung

Eine chronifizierte (Angst-)Erkrankung kann verglichen werden mit einer festgerosteten Wippe. Sie zeigt einen inneren Widerstand gegen die gewünschte Veränderung. Das hat unter anderem auch damit zu tun, dass sich mit der Schwere und Dauer der Erkrankung Persönlichkeitsmerkmale und Persönlichkeitsstrukturen der Patienten verändern. Krankhaftes Fühlen, krankhaftes Denken, krankhafte Überzeugungen, Gewohnheiten und Verhaltensmuster und auch krankhafte Reaktionen des Körpers schleifen sich immer tiefer ein und werden damit immer schwerer korrigierbar.

Chronifizierung bedeutet somit, dass sich eine Erkrankung von innen heraus verfestigt und der Heilung einen inneren Widerstand entgegensetzt. Bei körperlichen Erkrankungen kann hinzukommen, dass sich rein funktionelle Störungen nach einer gewissen Zeit auch organisch manifestieren. Eine psychisch bedingte körperliche Fehlhaltung bewirkt beispielsweise Fehlbelastungen der Gelenke und der Wirbelsäule, die letztendlich zu unumkehrbaren organischen Veränderungen führen.

Bleiben wir aber bei den psychischen Aspekten der Chronifizierung. Wenn ein Mensch über viele Jahre mit einer chronischen Erkrankung lebt, richtet er sein Leben darauf ein. Er empfindet die Krankheit immer mehr als zu sich gehörig. Der Zustand der Angstfreiheit wird ihm immer fremder und der der Gesundheit ist ihm immer weniger vertraut. Für manche Menschen ist die Krankheit zum einzigen Lebensinhalt geworden und Denken, Fühlen und Handeln drehen sich nur noch um das Kranksein. Wir alle haben schon Menschen kennengelernt, die über nichts anderes reden als über ihre Krankheit. Das kann so weit gehen, dass die Krankheit zur Identität und zum Lebensinhalt dieser Menschen wird. Auch wenn sie bewusst gesund werden wollen, unbewusst haben diese Patienten Angst, die eigene Identität zu verlieren, und sie halten die Krankheit daher fest. Die Angst wird sozusagen durch eine gewachsene und verfestigte innere psychische Struktur aufrechterhalten.

Bei einer Chronifizierung sind dementsprechend zusätzliche therapeutische Maßnahmen erforderlich, um den gewünschten Therapieerfolg zu erreichen. Nicht immer sind die Bemühungen von Erfolg gekrönt.

 

2. Sekundärer Krankheitsgewinn


Bei manchen Patienten ist man sich als Therapeut aufgrund seiner Erfahrung ziemlich sicher, alle wichtigen Ursachen der Angst behandelt und auch aufrechterhaltende Lebensumstände (siehe unten) mit einiger Sicherheit ausgeschlossen zu haben. Dennoch bleiben die Ängste (oder auch andere psychische und körperliche Erkrankungen) unverändert bestehen oder sie kehren nach anfänglichen Erfolgen immer wieder zurück. Die Ursache dafür kann in einem sekundären Krankheitsgewinn bestehen. Der sekundäre Gewinn, der mit der Krankheit verbunden ist, ist stärker als das Leiden, das aus der Erkrankung resultiert.

Hier ein Beispiel:

Frau S. litt an einer starken Agoraphobie und war über viele Jahre nicht in der Lage, die Wohnung ohne Begleitung zu verlassen. Nach Behandlung der Ursachen trat der zu erwartende Therapieerfolg nicht ein. Es stellte sich heraus, dass die Angst der Patientin ihre einzige Möglichkeit war, einen intensiven Kontakt zu ihren Kindern aufrechtzuerhalten. Diese hatten selbst Familien und waren beruflich stark eingespannt. Sie besuchten ihre Mutter nur deshalb so oft, weil diese ohne Hilfe nicht in der Lage war, sich selbst zu versorgen, da sie die Wohnung noch nicht einmal zum Einkauf verlassen konnte. Der Gewinn bzw. der Nutzen, den diese Patientin aus ihrer Krankheit zog, war größer als die Einschränkungen, die die Angst mit sich brachte.

Auch aus der Behandlung chronischer Schmerzpatienten ist bekannt, dass einige von ihnen selbst nach Heilung der organischen Ursache und der Gabe von Morphium keine Schmerzlinderung erfahren. Selbst nach der Durchtrennung eines Nervs treten Schmerzen in dem Versorgungsgebiet dieses Nervs auf, was medizinisch nicht erklärbar ist. Bei diesen Patienten besteht oft ein sekundärer Krankheitsgewinn wie Zuwendung durch die Familie oder durch Ärzte und medizinisches Personal. Andere Patienten sind aufgrund ihrer Schmerzkrankheit invalidisiert und verlören ihre materielle Absicherung (Rente), wenn sie gesund würden. In diesen Fällen ist es oft auch durch Hypnose, Morphium oder chirurgische Eingriffe nicht möglich, eine dauerhafte Linderung zu erreichen.

Häufig ist der sekundäre Krankheitsgewinn dem Patienten nicht bewusst, zum Beispiel, wenn er seine menschliche Zuwendung im Wesentlichen nur durch die behandelnden Ärzte und Schwestern erhält. Bisweilen sagen die Patienten, wenn ihnen bewusst wird, was sie für die Überwindung der Krankheit aufgeben müssten: „Dann behalte ich lieber meine Krankheit.“

Avicenna, ein berühmter persischer Arzt und Naturwissenschaftler, pflegte der Überlieferung zufolge seinen Patienten Folgendes zu sagen:

„Es gibt immer drei Parteien: den Patienten, die Krankheit und den Arzt. Wenn der Patient sich bewusst oder unbewusst auf die Seite der Krankheit schlägt, dann hat der Arzt keine Chance, denn dann steht es zwei gegen eins.“ Bei sekundärem Krankheitsgewinn schlägt sich der Patient auf die Seite der Krankheit.

Im Rahmen einer Hypnosetherapie wird im Falle eines sekundären Krankheitsgewinnes zwischen dem Teil des Patienten, der gesund werden will, und dem, der die Krankheit behalten will, vermittelt. Das Ziel besteht darin, eine Lösung zu finden, die für beide Seiten akzeptabel ist, OHNE dass der Patient an seiner Krankheit – in unserem Falle an der Angst – festhalten muss.

 

3. Krankheitserhaltende Beziehungen und Lebensumstände


Die Prognose für die Wiedererlangung der Gesundheit hängt nicht nur davon ab, ob es innere Widerstände gegen die Heilung gibt, sondern auch davon, ob es äußere Umstände gibt, die zur Aufrechterhaltung der Krankheit beitragen. Während bei der Chronifizierung die Wippe sozusagen von innen festgerostet ist, wirken aufrechterhaltende Beziehungen und Lebensumstände wie Stützpfeiler, die das Umkippen der Wippe in Richtung Gesundheit verhindern.

Der Erfolg einer psychologischen Behandlung hängt nicht allein davon ab, dass die richtigen therapeutischen Methoden angewendet werden und dass beim Patienten die Bereitschaft zur Veränderung besteht. Häufig ist es auch erforderlich, Lebensumstände und Beziehungen zu Mitmenschen, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung der Krankheit beitragen, zu verändern.

So könnte es zum Beispiel notwendig sein, den Arbeitsplatz zu wechseln oder sich aus einer destruktiven Beziehung zu lösen. Für einen sich selbst aufopfernden Menschen könnte es wichtig sein, mehr für sich selbst zu tun, um wieder sein inneres Gleichgewicht zu finden.

Nun kann es aber sein, dass es aus äußeren Gründen nicht möglich ist, die erforderlichen Veränderungen umzusetzen. Der Wechsel des Arbeitsplatzes könnte aus wirtschaftlichen Gründen oder wegen der Qualifikation des Patienten schwierig sein. Der Auszug aus dem Haus der Eltern könnte an einer finanziellen Abhängigkeit scheitern oder daran, dass die Patientin ihre kranke Mutter nicht verlassen will, die auf ihre Hilfe angewiesen ist.

Der Erfolg der Behandlung ist in solchen Fällen auch davon abhängig, ob ein Patient willens und in der Lage ist, diese krankheitserhaltenden Lebensumstände zu ändern. Ohnedies ist es möglich, dass sich seine Ängste und Beschwerden trotz wirksamster Behandlung nicht vermindern. Oder sie klingen beispielsweise im Rahmen einer stationären Behandlung des betreffenden Patienten ab, um erneut aufzutreten, sobald er in seine alte Umwelt zurückkehrt.

 

Quelle: http://www.hypnose-doktor.de/vorbereitung-ersthypnose/warum-zuverlassige-heilmethoden-manchmal-nicht-wirken-die-wichtigsten-inneren-und-auseren-saboteure-des-therapieerfolges/

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